Konzert: Im Wirbel der Zeiten

Fr, 30.06.2017 20:30 Kosten: 10/7 €

Das Projekt »Im Wirbel der Zeiten« setzt ein spätes Schlüsselwerk des französischen Spektralismus, – Gérard Grisey's »Vortex temporum« – in den klanglichen Kontext dreier neuer Kompositionen, die nur auf den ersten Blick typisch deutsch oder typisch französisch komponiert erscheinen:

Niklas Seidl (*1983)
erkundet in seiner Uraufführung »Im Schacht« auf »schwere« und tiefschürfende Weise das Krankheitsbild der Depression aus der Perspektive ihrer ästhetischen Rezeption seit der Romantik. Als Subtext klingt der Kopfsatz von Johannes Brahms' 1. Symphonie durch, Inbegriff deutscher paukenschwangerer Schicksalsattitude.

Kathrin A. Denner (*1986) bedient sich bei ihrem Werk »Epitaph« zweier Texter mit Todessehnsucht (Viriginia Woolf) und Na(c)htoderfahrungen aus »Brücke über dem Strom – Mitteilungen aus dem Leben nach dem Tode«. Sie setzt diese beiden Perspektiven zeitgleich musikalisch wie textlich gegeneinander, so dass ein Dialog zwei Anschauungen aufeinander trifft.

Das Werk »Éloge de la plante«–Lob der Pflanze–des Grisey-Schülers Jean-Luc Hervé hingegen vertont (scheinbar naiv) botanische Fachtermini, lässt aber aus der immanenten Poetik von Pflanzennamen die Solosopranistin, frei angelehnt an Mozarts Figur der »Gärtnerin aus Liebe«, das Publikum in Gärten der Imagination entführen. Dies geschieht auch mithilfe einer raffinierten Lautsprecherlandschaft, in der der Klangregisseur zum Gartenarchitekten der Imagination wird.

Nur ein Werk wie Gérard Griseys »Vortex temporum« kann in seinem mitreißenden Wirbel den Dialog so unterschiedlicher ästhetischer Verfahren schlüssig zusammenfassen. Dies nicht zuletzt dank der Klangdramaturgie seiner Großform, in deren drei Hauptteilen sich bereits kompositorische Auseinandersetzung mit [der Ästhetik] dreier divergierender Kompositionsansätze–nämlich seiner Widmungsträger Zinsstag, Sciarrino und Lachenmann–findet.

Programm

Niklas Seidl (*1983): »Im Schacht«, für fünf Stimmen und sieben Instrumente (2014, Uraufführung)

Kathrin A. Denner (*1986): »Epitaph«, Motette für sechs solistische Singstimmen (2015, Uraufführung)

Jean-Luc Hervé (*1960): »Éloge de la plante (La Finta Giardiniera)«, für Stimme und 22 Lautsprecher (2016)

Gérard Grisey (1946-1998): »Vortex temporum«, für Klavier und fünf Instrumente (1994-1996)


SCHOLA HEIDELBERG | ensemble aisthesis | Leitung: Walter Nußbaum | Klangregie/ZKM: Sebastian Schottke
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