Karlsruhe Strebetendenz-Theorie erklärt das Gefühl in der Musik

Dass Musik und Emotionen zusammenhängen, ist weithin bekannt. Aber kann Musik (nachweisbar) heilen? ka-news unterhielt sich mit der Musik-Dozentin (HfM Karlsruhe) und Pianistin Daniela Willimek über die Strebetendenz-Theorie, etwaige Hindernisse und Ansätze zur Musik-Psychologie.

Umreißen Sie kurz Ihre berufliche Karriere!
Mein Klavierstudium in Karlsruhe und Wien schloss ich mit Diplom, künstlerischer Ausbildung und Konzertexamen mit Auszeichnung ab. Ich war mehrfache Wettbewerbspreisträgerin, habe bei verschiedenen Sendern Rundfunk- und Fernsehaufnahmen gemacht, CDs produziert, unter.anderem "Faszination Frauenmusik" mit Klaviermusik von Komponistinnen, bin an der Karlsruher Musikhochschule als Dozentin für Klavier tätig. Außerdem arbeite ich zusammen mit meinem Mann an der Produktion seiner Kompositionen und an einer Weiterentwicklung seiner Strebetendenz-Theorie. Dabei erfassen wir musikalische Präferenzen in Korrelation zu Emotionen. Unsere Arbeit hat zwischenzeitlich für großes Aufsehen gesorgt: Zahlreiche Medien, darunter auch das SWR-Fernsehen sowie Fach- und Tageszeitungen, haben darüber berichtet, und unser Probandenpool mit bislang über 2100 Probanden aus vier Kontinenten weist so prominente Teilnehmer wie die Regensburger Domspatzen und die Wiener Sängerknaben auf.

Mein Mann hat an der Karlsruher Musikhochschule die Fächer Musiktheorie, Komposition und Klavier studiert und 1987 sein Diplom abgelegt. In der folgenden Zeit hatte er enorme Schwierigkeiten, sich beruflich zu etablieren. Da die Strebetendenz-Theorie, deren Prinzip er schon als Student in seiner Diplomarbeit skizziert hatte, so gar nicht in den Trend der Zeit passte, wurde er unterdrückt und bekämpft.

Was ist (kurz gefasst) die Strebetendenz-Theorie?
Die Strebetendenz-Theorie liefert das Fundament zur Erklärung der emotionalen Wirkung von Musik. Die Grundaussage der Theorie beinhaltet, dass Musik - im Gegensatz zu früheren Auffassungen - überhaupt keine Emotionen vermitteln kann, sondern nur Willensinhalte, mit denen sich der Musikhörer identifiziert. Durch den Vorgang der Identifikation erscheinen diese Willensinhalte emotional gefärbt. Ganz ähnliche Vorgänge lassen sich übrigens beobachten, wenn wir vor dem Fernsehapparat sitzen und uns mit den Willensvorgängen unserer Lieblingsfigur identifizieren und dabei Emotionen empfinden.

Diese Willensvorgänge in der Musik haben etwas mit dem zu tun, was frühere Musiktheoretiker mit Vorhalt, Leitton und Strebetendenz bezeichnet hatten. Doch erst, wenn man diese Erscheinungen gedanklich ins Gegenteil umkehrt, offenbaren sie den Willensinhalt, mit dem sich der Musikhörer identifiziert: Nicht etwa der Ton strebt zur Veränderung, sondern der Hörer identifiziert sich mit dem Willen, dass der Ton unverändert bleibt. Durch Anwendung dieses Prinzips lassen sich die Emotionen erklären, die Musik im Hörer auslöst.

Haben die Kenntnisse der Strebetendenz-Theorie nachweislich heilende Wirkung?
Die Kenntnisse der Strebetendenz-Theorie sind kein Wunderheilmittel, und ich fürchte, dass dadurch bisher noch kein Kranker genesen ist. Doch erbrachte ein Pilotprojekt an der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie Kinderzentrum Maulbronn jüngst einen vielversprechenden Ansatz, da Kinder und Jugendliche mit neurologischen und psychischen Störungsbildern einige auffallende Abweichungen in der Wahl der präferierten Musikbeispiele im Vergleich zu unseren bisherigen Probanden zeigten. Dieser Unterschied könnte möglicherweise Rückschlüsse auf die jeweiligen Beschwerden zulassen und dadurch verfeinerte Diagnosen ermöglichen. Daher möchten wir in dieser Hinsicht noch differenzierter untersuchen und eine mögliche Korrelation zu verschiedenen Krankheitsbildern konfirmativ testen.

Zu diesem Zweck haben wir in Zusammenarbeit mit dem leitenden Arzt des Kinderzentrums, Professor Dr. Rainer Blank, eine Kooperation mit der SRH Hochschule Heidelberg und dem Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung initiiert und streben auf dieser Basis eine musiktherapeutisch fundierte Grundlage für weitere Untersuchungen an.

Ein therapeutischer Einsatz dieser Erkenntnisse ist zwar im Moment noch Zukunftsmusik, aber absolut denkbar, da die Strebetendenz-Theorie die Wirkungsweise von Musik auf eine vorher nie dagewesene Weise konkretisiert und beschreibbar macht, was für jeden Zweig der Musiktherapie von großem Nutzen sein dürfte.

Warum klingt Moll eigentlich traurig?
Ein Mollakkord drückt genau genommen keine Trauer aus, weil Musik ja keine Gefühle, sondern Willensvorgänge vermittelt, mit denen sich der Musikhörer identifiziert. Bei einem Durakkord identifiziert man sich in der Regel mit einem Willen, dessen Inhalt etwa mit "ja, ich will…" umschrieben werden kann. Bei einem Mollakkord identifiziert man sich in der Regel mit einem Willen, dessen Inhalt etwa mit "ich will nicht mehr…" umschrieben werden kann. Das lässt sich sehr gut veranschaulichen, indem man einen Mollakkord auf dem Klavier zunächst ganz leise wiederholt und dann langsam immer lauter wird. Zunächst empfinden wir den Klang als traurig und dann -  wenn der Akkord lauter wird - als wütend. Wir beurteilen die Klänge genau so, wie wir urteilen würden, wenn ein Mensch die Worte "ich will nicht mehr…" zunächst leise flüstern und dann laut herausschreien würden. Erst würden wir dieselbe Aussage als traurig, dann als wütend empfinden. Der wesentliche und entscheidende Umweg über Willensprozesse wird uns dabei gar nicht bewusst. Natürlich kann ein Mollakkord in bestimmtem Zusammenhang gespielt auch anders wirken, zum Beispiel abenteuerlich.

Welche Publikationen waren wichtig respektive sind geplant?
Wichtig war die erste Publikation der Strebtendenz-Theorie 1998 im Tonkünstler-Forum Stuttgart unter dem Titel "Die Strebetendenz-Theorie - Wie Harmonien Emotionen erzeugen". Dabei standen die Beschreibung der Theorie und ihre Anwendbarkeit auf musikalische Harmonien im Vordergrund.

In der neuen musikzeitung (nmz) vom Januar 2011 erschien der Artikel "Mit gespitzten Ohren. Ein musikalischer Präferenztest mit den Wiener Sängerknaben".

Die Tests und die Ergebnisse unserer Untersuchungen zur emotionalen Wirkung musikalischer Harmonien wurden im November 2011 unter dem Titel "Musik und Emotionen - Studien zur Strebetendenz-Theorie“ veröffentlicht (u.a. als E-Book der Universität München).

Die jüngste Publikation, "Warum klingt Moll traurig? Die Strebetendenz-Theorie erklärt das Gefühl in der Musik", ist als fünfteiliger Artikel im Online-Magazin "musik heute" vom April 2013 zu lesen. http://www.musik-heute.de/tags/strebetendenz-theorie.

Aktuell bereiten wir in Zusammenarbeit mit einer auch musikalisch versierten Diplom-Übersetzerin, die amerikanische Muttersprachlerin ist, eine Publikation zur Strebetendenz-Theorie in englischer Sprache vor.

In welche Richtung(en) soll die musikpsychologische Forschung in Zukunft gehen?
Die Musikpsychologie hat lange Jahre um die Musik wie um den sprichwörtlich "heißen Brei herum" geforscht, da man keine Möglichkeit sah, die emotionale Wirkung von Musik wissenschaftlich zu erfassen. Zwar versuchte man, die Methoden der allgemeinen Psychologie zu imitieren und ereiferte sich im Anfertigen von Statistiken. Doch der Erfolg blieb aus. Und der Grund war klar: Im Gegensatz zur Musikpsychologie hatte die allgemeine Psychologie Vordenker wie Freud, Adler, Jung und viele andere, die ein Fundament geschaffen hatten, aus dem heraus sich eine Wissenschaft entwickeln konnte. Die Musikpsychologie nutzte jedoch keine Vordenker und auch kein Fundament - mit dem Resultat, dass ihre Statistiken keine nennenswerten Fortschritte erzielten. Und so musste sich der Neugierige, der einen Vertreter dieser Musikpsychologie fragte, auf welche Weise Musik Emotionen erzeugen kann, auch nach jahrzehntelanger Forschung immer noch mit peinlich-blamablem Achselzucken begnügen. Eben weil Statistiken solche Antworten immer nur bestätigen oder widerlegen können, sie aber niemals ausspucken.

Die Strebetendenz-Theorie hat jedoch die Qualität eines musikpsychologischen Fundaments, auf dem fruchtbare Forschung möglich ist. Und in diesem Sinne stellen wir uns auch die weitere Entwicklung der musikpsychologische Forschung vor: Als sinnvollen und verantwortungsvollen Umgang mit der Grundlage, die die Strebetendenz-Theorie zur Verfügung stellt. Ohne Strebetendenz-Theorie keine Musikpsychologie!

Gibt es Fakten, die Ihnen wichtig wären?
Wichtig im Sinn von aktueller Weiterentwicklung unserer Arbeit wäre auf jeden Fall das aktuelle Pilotprojekt an der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie Kinderzentrum Maulbronn in Zusammenarbeit mit dem leitenden Arzt Prof. Dr. Blank, da es einen neuen Aspekt zur musikalischen Rezeption verschiedener Probandengruppen aufgeworfen hat, der möglicherweise therapeutisch in der Zukunft von Nutzen sein kann, wie unter Punkt 3 erläutert.

Dass die Strebetendenz-Theorie inzwischen auch für den medizinischen Bereich von Interesse ist, war für uns eine ursprünglich nicht geplante, aber erfreuliche und Mut machende Erfahrung; so hat zum Beispiel der Arzt und Psychotherapeut Marc Neufeld in seiner Dissertation "Die Bedeutung von Liedern in der Lebensgeschichte", Reichert-Verlag 2011, ein ausführliches Kapitel der Strebetendenz-Theorie gewidmet und diese diskutiert.

Auch häufen sich derzeit bei uns Anfragen von Studenten, die die Strebetendenz-Theorie und unsere Testreihen in ihre Masterarbeit integrieren möchten. Wir freuen uns sehr, dass unsere Arbeit zwischenzeitlich so weite Kreise zieht, und hoffen weiterhin auf eine intensive und allzeit spannende Auseinandersetzung mit dem Thema Musik und Emotionen.

Die Fragen stellte ka-news-Kulturredakteur Toby Frei.

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