3. Teil der Reihe Lieblingsbilder von Corot

Die Kuratorin Dr. Dorit Schäfer erklärt, warum die "Landschaft bei Mondlicht" ihr Lieblingsbild ist.

Eines meiner Lieblingsbilder ist das letzte Bild einer Reihe von Riva-Ansichten, die in der Ausstellung zu sehen sind. Corot hat den Ort am Gardasee 1834 auf der Rückreise seines zweiten Italienaufenthalts besucht, nachdem er mit einem Dampfschiff den gesamten See überquert hatte. Dort stellte er seine Staffelei am Seeufer auf. Das Interessante ist, dass Corot in seiner ersten Freilichtstudie dieses Motivs zwar nur einen kleinen, von Felsen versperrten Ausschnitt des Sees zeigt, und dennoch die Weite des großen Gewässers dahinter erahnen lässt. Das ist charakteristisch für seine suggestiven Kompositionen. Beim ersten Bild weiß man außerdem nicht: Ist es Morgen oder Abend? Es sind dieses atmosphärische Dämmerlicht und die Spiegelungen, die er später weiter entwickeln wird. Über 40 Jahre lang, bis kurz vor seinem Tod hat Corot dieses Motiv immer wieder aufgenommen und paraphrasiert. In der letzten Fassung von 1874 handelt es sich um eine abstrahierte Form der früheren Riva-Bilder. Das Gemälde ist fast komplett dunkel. Wie durch einen Vorhang wird der Blick auf den glitzernden See gelenkt. Dem Künstler geht es hier nicht mehr um eine reale Ansicht vom Gardasee, sondern um den erinnerten Blick, um ein inneres Bild aus seiner Imagination. Als er es malt, ist er 78 Jahre alt, er zeigt es auf dem letzten Salon, den er erlebt. Die Kritiker waren begeistert und konnten kaum glauben, dass der hochbetagte Künstler immer noch Bilder von einer solchen Ausdruckskraft malt. Was mich fasziniert, ist die Entwicklung eines realen Landschaftsausschnitts zur Vision einer nächtlichen Seelandschaft, eines Traumbildes. Durch seine Blickführung auf das Mondlicht im spiegelnden Gewässer wirft Corot den Betrachter auf sich selbst zurück, auf seine eigenen Empfindungen und Erinnerungen. Dieses Mit- und Nachempfinden beim Betrachten seiner Bilder hat er oftmals als Ziel seiner Malerei formuliert. Damit führt er uns auf unser eigenes Bewusstsein zurück. Für mich steckt in solchen Werken der Ursprung jeglicher Kunst. Denn der Mensch macht Kunst, weil er dem Bewusstsein, das ihn als Menschen ausmacht, auf die Spur kommen will.
 
Dorit Schäfer
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