2. Teil der Reihe Lieblingsbilder von Camille Corot

Frau Stuffmann über "Rom, die Tiberinsel mit der Kirche San Bartolomeo" sowie "Junger Italiener im Atelier Corot sitzend"

Ich habe zwei Lieblingsbilder, über die ich sprechen möchte. Zunächst zu der Landschaft.
Wie Corot als junger Mann um 1826 auf Rom und auf die Menschen blickt, entsprach nicht der Norm seiner Zeit. Das ist der Ostzipfel der Tiberinsel, von der Stadt abgewandt. Er schildert nicht die offizielle Ansicht der Kirche, sondern die Rückseite. Und aus dieser Rückseite konstruiert er die Gesetzmäßigkeiten, die er später verfolgt. Er hat einen außerordentlichen Sinn für architektonische Konstruktionen. Ihn interessiert aber nicht nur, wie der Chor gebaut ist, sondern wie er aussieht im hellen Licht. Das ist der Ansatz seines Bildes und seines Blicks. Wenn Sie sich ansehen wie das gemalt ist, dann werden sie Mühe haben die Architektur zu rekonstruieren, aber sie werden ganz genau das Gefühl haben, dass das ein sehr dichtes Konglomerat von Formen ist, die davon leben, dass Licht auf sie fällt. Ihn interessiert in einem Bild, das eine Fläche ist, ein kompliziertes System zu entwickeln, das Raum schafft, das zusammengebaut ist aus Licht und Schatten. Das ist der ganz direkte Weg zu den Konstruktionen von Cézanne und den frühen Kubisten. Ihn interessierte der formulierte Raum. Und damit nicht genug. Am Ende taucht er das Ganze in Luft und in Licht. Und das hat später auch Monet an Corot interessiert, dass man Architektur aus Luft und Licht bauen kann.
 
Was hat ihn an dem jungen Mann interessiert? Das war sicher einer seiner Gehilfen, die ihm den Malkasten getragen haben und die Staffelei. Obwohl der Junge anonym bleibt, bekommen wir eine sehr differenzierte Vorstellung von dem heranwachsenden jungen Mann. Es ist höchst reizvoll, wie die sehr genau geschilderte Haltung und Kleidung zu einer Gestalt wird. Auch der Raum ist kaum gekennzeichnet, aber voller Atmosphäre. Er deutet nur den Boden an, die Wand und die Ecke eines abgestellten Bildes. An der Wand wiederholt er eine seine Abendlandschaft in der Campagna. Er schildert nichts, aber er gibt dem Betrachter Möglichkeiten zu erkennen. Er kann sich so vorzustellen, weshalb er den Jungen wohl nett gefunden hat, was die beiden gemeinsam erlebt haben. Er gibt dem Betrachter immer nur Anhaltspunkte, dadurch nimmt er teil. Die Teilnahme entsteht durch das Fühlen und Denken gleichzeitig.
 
Margret Stuffmann, 75
Camille Corot, Rom, die Tiberinsel mit der Kirche San Bartolomeo, ca. 1826-1828, National Gallery of Art, Washington D.C., Patrons' Permanent Fund © Foto: Courtesy of the National Gallery of Art Washington, D.C. |
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