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Karlsruhe Falsche Scham, echte Orgasmen: Die Crew von "Engel mit schmutzigen Flügeln" im ka-news-Interview

Mit seiner bumsfidelen Walküre auf dem Quad touren Filmemacher Roland Reber und die WTP-Crew derzeit durch Deutschlands Lichtspielhäuser. Im Gepäck der "Engel mit schmutzigen Flügeln" Storys in Text, "Bild" und "Penthouse". ka-news-Kulturredakteur Patrick Wurster hat nach der Premiere in der Schauburg mit dem Regisseur und der Hauptdarstellerin Antje Mönning philosophiert - über falsche Scham und echte Orgasmen, Softporno, Selbstfindung und was es mit der kolportierten Sex-WG wirklich auf sich hat.

ka-news: Warum diesmal eine Hymne auf die Unmoral?
Roland Reber:
Für mich gibt es nichts Langweiligeres als einen Film, der vorgibt, eine moralische Botschaft zu vermitteln. Moral ist für mich nur ein Druckmittel der Gesellschaft gegen das Individuum. Echte Moral kommt aus dem Bauch, aus dem Herzen und nicht aus dem Knigge. Das ist Kadavergehorsam; und Moral oftmals nur die Entschuldigung dafür, nicht den Mut zu haben, das zu leben, was man ist.

ka-news: Oder um es mit dem Film zu sagen: "Ich kenn alles bis auf Punkt und Strich, nur eines nicht, das bin ich, ich, ich"?
Antje Mönning: Jeder Mensch hat heutzutage verschiedene Ichs; eines, das er der Familie präsentiert, eines fürs Berufsleben und ein weiteres für die Freunde. Er passt sich den Menschen an, die ihn gerade umgeben - und kann von daher kein originärer Mensch sein.
Reber: Die meisten werden in der Kindheit durch ihre Umwelt geprägt, die übernehmen sie und nennen das später Ich. Das hat aber mit einem Ich ziemlich wenig zu tun. Es ist kein Selbstentwurf, sondern einzig und allein übernommene Schablone. Für mich gibt es immer weniger originäre Menschen, die ihren eigenen Stil entwickelt haben, die sich bewusst sind, was sie tun. Stattdessen gibt es viele Nachahmungstäter: Die Medien haben diese Gesellschaft dazu gebracht, dass die junge Generation nur noch aus Kopien ihrer selbst besteht. Es gibt zu wenige, die sich ihre Emotionen abholen, stattdessen wird auf Daily-Soaps zurückgegriffen. Früher hat man einfach gesagt: "Ich bin geil auf dich - gehste mit?"; heute werden Balzrituale aus irgendwelchen amerikanischen Filmen adaptiert, Standarderklärungen übernommen, Copy und Paste. Aber irgendwann stehen diese Menschen vor einer leeren Wand, weil sie vergessen haben sie anzustreichen mit ihren eigenen Ideen. Und wie alles, was man sich geliehen hat, holt sich das Leben auch geborgte Gefühle zurück. Nur das Selbsterschaffene bleibt. Deswegen sind das für mich leere Hüllen in einer leeren Welt. Wenn sich Menschen nur noch über abgekupferte Posen definieren, geht die Authentizität verloren. Und genau darum geht es: Sei scharf auf ein tolles Haus, lebe deine Lust - aber bitteschön pur.

ka-news: Stichwort Authentizität: Antje, warum war es dir wichtig, dass deine Orgasmen echt sind?
Mönning: Weil die Sexszenen dazu dienen, die Geschichte zu erzählen. Lucy definiert sich nur über Sex. Die einzigen Momente, in denen sie wirklich lebt und Leben nicht nur nachspielt, sind im Orgasmus. Also wollte ich, dass diese Szenen so authentisch wie möglich sind. Das ist ja ein zentrales Thema des Films: Sei was du bist. Als Schauspielerin wollte ich deswegen sein, nicht nur spielen.

ka-news: Den Exhibitionismus hast du für dich zur "Seinsform" erklärt. Bist du in diesen Szenen mehr Exhibitionistin als Schauspielerin?
Mönning: Beides. Ich bin Exhibitionistin - mir macht es Spaß, mich zu zeigen. Deshalb bin ich auch am Set die meiste Zeit nackt herumgelaufen. Aber der Film verlangt mir auch auf der schauspielerischen Ebene einiges ab.

ka-news: Eure Produktionsfirma WTP hat vom Frühwerk an einen ganz eigenwilligen Weg des Filmemachens, der ja schon solch Kinoerfolge wie "24/7 - The Passion Of Life" hervorgebracht hat. Welche Philosophie steckt hinter eurer Arbeit?
Reber:
Kreativität. Und der Leitgedanke, nur dann Filme zu machen, wenn man etwas zu sagen hat. Aber nicht missionarisch! Wir können nur Fragen stellen, die Antwort muss der Zuschauer schon selbst finden. Denn das würde ja implizieren, dass wir eine Lösung auf die Probleme des menschlichen Daseins haben. Und wir machen keine reinen Regiefilme; jeder ist gefragt, sich als Künstler bei diesem Work-In-Progress einzubringen. In der Filmindustrie ist es immer mehr zu einer Spezialisierung gekommen. Viele Kollegen meinen, es müsste eine Teilung der künstlerischen, technischen und verwaltungsbedingten Positionen geben. Aber Kreativität ist nicht teilbar. Wir sind kein Konzern, der Filme produziert, sondern Filmemacher. Und das ist eben ein ganzheitlicher Prozess. Damit jeder Schauspieler am Ende sagen kann: Dieser Film ist ein Teil von mir.

ka-news: Für viele liegt das Provokative bereits im Aufeinanderprall von ambitioniertem Anspruch und der bestenfalls semiprofessionellen Umsetzung.
Mönning: Es geht bei WTP ums Schauspiel, um Menschen, um eine Geschichte. Ich kann nur aus meiner Erfahrung mit der ARD sprechen: Dort werden Millionen hineingepumpt und das Ergebnis ist katastrophal. Geld hat nichts mit Qualität zu tun. Bei uns steht nicht die Technik im Vordergrund, sondern die Geschichte; ihr dient alles, davon darf nichts ablenken.

"Unser Sex ist realistisch und unprätentiös - das ist die Provokation"

ka-news: Keine falsche Scham an den Tag zu legen ist das eine, mit weit gespreizten Beinen den Hintern in die Kamera zu strecken das andere. Ist das Kunst oder Kalkül oder Kunst des Kalküls, einen Selbstfindungstrip über einen Softporno zu kanalisieren?
Reber: Das ist kein Kalkül, es ist die Art der Darstellung. So wie die Sexualität bei uns gezeigt wird, ist sie ein Stück Schonungslosigkeit. Wenn man den Augenblick des Orgasmus' oder expliziten Sex in einer derart realistischen Weise offenlegt, kann das für einige Zuschauer verwirrend sein. Aber in diesem Film gibt es nun mal keinen inszenierten FSK-12-Sex. Unser Sex ist realistisch und unprätentiös - das ist die Provokation. Sex wird als Sex dargestellt, keine vermeintlich wilde Schlampe, die im BH fickt und deren Bettdecke immer so drapiert ist, dass man bloß keinen Schambereich oder steife Nippel sieht. Ich finde: Wenn Sex in einer Geschichte vorkommt, kann man ihn auch zeigen. Man zeigt die Menschen ja auch beim Essen.

ka-news: Die "Bild"-Zeitung stürzt sich natürlich mit Wonne auf ein solches Thema, aber weniger wegen der Aussage des Films. Der Film fragt die Zuschauer nach ihrer Integrität. Wie weit ist es mit eurer eigenen Integrität her?
Reber: Wir wollen uns da nicht selbst bescheißen. Ich glaube, dass die Sexualität ein ganz wichtiger Schlüssel zur Selbsterkenntnis ist. Wenn ich weiß, wo ich sexuell stehe, habe ich schon den Großteil der Strecke zur Selbstfindung hinter mir. In der Sexualität sind wir am meisten Ich, unverfälscht. Und die Sexualität ist zugleich das, was von der Gesellschaft am meisten tabuisiert und in den Schmuddelbereich gezogen wird.

ka-news: Mit ehrlich zur Schau gestelltem Sex kann man also offenbar immer noch provozieren?
Reber: Ich hatte gehofft, dass es nicht so ist. Aber wir leben nur relativ aufgeklärt. Die 70er Jahre waren wesentlich freier. Es ist nur die Oberfläche, die sich liberalisiert hat. Darunter brodelt immer noch das Kleinbürgertum. Der heutige Sex ist gestylt, ist ein Anti-Sex, eine Nicht-Berührung. Bei uns ist Sex noch mit Schmutz, Schweiß und Geruch behaftet.

"Wir leben den Begriff Familie im wahrsten Sinne des Wortes"

ka-news: Man kann den Film nochmals in einem ganz anderen Kontext sehen, wenn man weiß, dass ihr einen besonderen Lebensentwurf habt - auch in Sachen Sex und Partnerschaft: Roland, du lebst mit deinen drei Engeln Mira Gittner, Marina Anna Eich und Antje Mönning unter einem Dach.
Reber: Wir leben den Begriff Familie im wahrsten Sinne des Wortes.
ka-news: Der spart das Körperliche aber üblicherweise aus...
Reber: Das ist sicher so. Aber unser Leben ist kein Design, sondern ein organischer Prozess, den man sich nicht als Modell heranziehen kann. Das erfordert natürlich ein Stück Selbstaufgabe und Solidarität mit dem anderen. Wer sich das allerdings als ewige Orgie vorstellt, liegt total falsch. Das ist wie in jeder Familie: Es wird alles gemeinsam durchgestanden.

ka-news: Und Eifersucht...
Reber: ...ist etwas für schwache Menschen.

ka-news: Um wieder zwei elementare Filmsätze sprechen zu lassen: "Ich ficke, also bin ich" vs. "Ohne Liebe sind wir leere Hüllen in einer leeren Welt". Wie passt das zusammen?
Reber: Das ist keine Widerspruch. Liebe und Sexualität sollten getrennt sein. Gerade in unserer mitteleuropäischen Kultur hat diese Verquickung zu ziemlich vielen Tragödien geführt und tut es noch jeden Tag. Wir müssen lernen, dass wir eine Sexualität haben, ohne je die Gnade der Liebe zu erfahren. Die wiederum ist ein Geschenk, das man weder erzeugen noch erzwingen kann. Wenn man zwischen Sexualität und Liebe trennt, wird vieles leichter und verständlicher, sofern man es nicht mit dem Zuckerguss der Erklärung übergießt. Menschen, die beides untrennbar zusammenfügen, lieben auch McDonald's, lieben ihr Auto, Schokolade oder ein Buch.
Mönning: Wenn jemand geil ist auf eine andere Person, heißt das ja noch lange nicht, dass er seinen Partner weniger liebt. Das wird oft vermischt und nicht verstanden. Aber am Ende des Films erlebt selbst Lucy einen Anflug von Einsamkeit, weil sie spürt, dass dieses Rumgeficke nicht alles sein kann.

"Es gibt viele Frauen, die sich aus Spaß prostituieren"

ka-news: Neben dem eigenen Zurschaustellen - wie reizvoll war es für dich, nicht mehr Opfer wie in der ARD-Serie "Um Himmels Willen", sondern Täterin zu sein, Antje?
Mönning: Sehr! Denn Lucy entscheidet sich ganz bewusst, so zu leben. Sie geht freiwillig in den Puff, um sich zu spüren. Und das wird im Film weder verurteilt noch gut geheißen. Da geht es einfach ums pure Sein. Normalerweise bereuen Frauen, die sich so ihrer Sexualität hingeben. Oder aber sie werden aus ihrer Zwangslage befreit und heiraten am Ende à la "Pretty Woman". Ich denke aber, dass es unglaublich viele Frauen gibt, die Prostituierte sind, weil es ihnen einfach Spaß macht. Es ist eine Sache der gesellschaftlichen Darstellung, dass wir immer die Geprügelten sein müssen, die vom bösen Zuhälter gezwungen werden - so wie ich als Jenny in "Um Himmels Willen".

ka-news: Die "Bild" reduziert die 90 Minuten auf einen Sexfilm. Stört euch das?
Reber: Die Leinwand ist ein Spiegel. Es kann nichts anderes herausschauen als das, was hineinschaut. Wenn ich mich vor den Spiegel stelle, sehe ich keine schöne Frau. Und wenn die "Bild"-Zeitung in den "Engeln" einen Sexfilm sieht, soll sie darin einen Sexfilm sehen. Wir sind hier wieder bei der zentralen Aussage: Stehe zu dir selbst und egal was du bist - wenn es mir dir konform geht, können andere denken, was sie wollen. Und das ist ihr gutes Recht.

ka-news: In eurem letzten Film "Mein Traum oder Die Einsamkeit ist nie allein" wurden eben jene Medien satirisch beleuchtet. Inwieweit habt ihr diesmal mit "Bild" und "Penthouse" gespielt?
Reber: Die Medienkritik besagte damals, dass wir Opfer der Medien sind. Diesmal ist exemplifiziert, dass man nur Opfer sein kann, wenn man sich selbst zum Opfer macht. Und so ähnlich ist das mit der Presse. Für uns alle ist das ein großes Spiel, das aber auch zeigt, wie dieses Spiel funktioniert. Wenn man bei "Bild" und "Penthouse" in unserer Familie eine Sex-WG sieht, sagt das mehr über die Redakteure dort als über uns. Aber das nächste Mal versuchen wir einen verträglicheren Film zu machen. Das wird eigentlich traditionell erst am Montag der zweiten Cannes-Woche in einem ganz bestimmten Restaurant offiziell entschieden, aber "Münsterland ist überall" wird bösartiger, nicht mehr im Symbol verhaftet oder in der Metapher. Wir wollen Verhaltensweisen von Menschen, die Kleinbürgerlichkeit in der Provinz bloßstellen.

ka-news: Auch verträglicher was die FSK anbelangt?
Reber: Nein. Da haben wir uns mittlerweile auf die 18 eingeschworen.

"Engel mit schmutzigen Flügeln" ist am Freitag, Sonntag und Dienstag, 2., 4. und 6. April, jeweils um 23.15 Uhr in der Schauburg zu sehen. Tickets unter Telefon 0721/3500018.

www.engel-derfilm.com

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Kommentare (4)
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  •   tok
    (7205 Beiträge)

    Selbstentwurf?
    Wie soll das Selbst sich denn selbst entwerfen wenn es sich noch gar nicht gibt? Und wenn das nicht geht, dann wurde das Selbst fremd entworfen, wenn es sicheben doch schon gibt. Aber ist dann ein Selbstentwurf des Selbst nicht auch ein Fremdentwurf?
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  • unbekannt
    (1 Beiträge)

    Reber spinnt
    Was Reber über Moral und Unmoral sagt, kann man wohl eher als leicht spinnete Individualmeinung sehen, mit der er seinen Film begründen will.
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  •   nico-ka
    (301 Beiträge)

    Gut geführtes Interview
    Das sind Fragen, die ich von einem Kultur-Ressort erwarte. Allerdings könnte ka-news auch bei anderen kulturellen Themen einmal so detailliert vorgehen.

    Ausstellungen zwischen Stuttgart und Baden-Baden, neue Stücke am Staatstheater - über all das würde ich gerne so detailliert informiert werden.
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  •   timo
    (2952 Beiträge)

    Schl....werbung
    Schon ziemlich viele Artikel hier für einen Film der sonst kaum irgendwo erwähnt wird...da kann man sich ja seinen Teil denken...
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