"Abendgruß viel"
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Nur das "Warum" musste der gelernte Zimmermann vom Bodensee nach so vielen Sommern nicht mehr jedem auf die Nase binden. Warum sollte er auch? Aufmerksame Leser seiner Bücher wissen ohnehin Bescheid. Dem Mann mit dem markanten, bogenförmigen Schnauzbart, den sie so liebevoll Kunobär nannten, kam es auf etwas ganz anderes an.
Ein Nachruf von Patrick Wurster
Ob verarmte Klofrauen, vereinsamte Prostituierte, verwahrloste Junkies, verzweifelte Obdachlose, vernachlässigte Behinderte oder eben verkannte Ex-Häftlinge - Kuno Bärenbold wehrte sich gegen die Vorverurteilung von Randgruppen. Mit seiner Waffe, der Feder. Erzählungen über den Strafvollzug und die Arbeitswelt; Lebenshungrige und Liebesträumer sind die Protagonisten der "bären(bold)starken" Bücher. Sechs an der Zahl (alle Edition Eisbrecher) hat der Schriftsteller aus der Durlacher "Poetenhöhle" veröffentlicht. "Bye-Bye" heißt sein letztes.
Doch nicht nur als Autor, auch als Rezensent konnte sich der Mann mit Baskenmütze (Hans Blickensdörfers gleichnamiger Roman blieb ganz offensichtlich hängen) und Nietzsche-Bart einen Namen machen. Ewig nörgelnde Kollegen hingegen beäugte er kritisch: "Ich jedenfalls verreiße längst keine Bücher mehr - für wen denn?" Zum Lesen verführen wollte er, "das Lesevirus verbreiten", wie er es nannte. Dabei war Bärenbold selbst immun, bis zum 27. Lebensjahr. Dann kam der Knast und wurde Wendepunkt eines Lebens. Aus dem emsigen Leser sollte selbst ein Erzähler werden, den die Kunststiftung Baden-Württemberg obendrein mit einem Stipendium auszeichnete.
"Ich hatte jahrelang Zeit, das Lesen zu lernen", ließ er mit ironischem Unterton im Rückblick auf seine Knastzeit verlauten - um sogleich zu ergänzen: "Und ich bin stolz darauf, heute als Autor und Kritiker das zurückgeben zu können, was ich im Knast (auch!) gelernt habe - das Lesen." Das war sein Geschenk an die da draußen; auch beim Weihnachtsmarkt im Durlacher Rathausgewölbe hinterm Büchertisch, wo er alljährlich seine "Buchrosinen" ausstreute. Am besten verdeutlicht es wohl die Grafik des Künstlers Gerhart Frey. Da zieht Bärenbold einen prallvollen Bücherkarren, auf dem provozierend prangt: "Lest doch, ihr Flaschen!"
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In "einer ihrer wenigen Sternstunden" (Bärenbold) bezeichnete eine hiesige Tageszeitung die klugen Künstler auch schon so treffend als "Die Drei von der Denkstelle". Seine vornehmlich ernsteren, mit kreidig-weicher Stimme vorgetragenen Passagen werden dem "Musik & Literatur pur"-Reihum ebenso fehlen wie die verschmitzten Kalauer. Sein herzliches Gemüt vereinte beides und so blieb er als einer von wenigen auf der Bühne natürlich; ein durch und durch Authentischer, dem man die Unsicherheit vor großem Publikum auch mal anmerken durfte.
Er war für viele aber auch ein Unbequemer, ein Brummiger; einer, der es ganz genau zu nehmen wusste. Nicht nur bei der Badisch Backstub' dürfte der Bärenbold unvergessen bleiben. Dort, wo er den Cheffe eigens an den Verkaufstresen holen ließ, um sich über die Anmaßung des Hausslogans zu mokieren: "Wissen Sie, warum ich nicht bei Ihnen einkaufe? Weil Sie nicht mein 'Lieblingsbäcker' sind!" Ein grundehrlicher konstruktiver Kritiker, der aber auch bei "Komplimentos" niemals sparsam gewesen ist. Und doch, trotz aller ideellen Wertschätzung, die er dem (aber bitteschön gut!) geschriebenen Wort beigemessen hat, musste sich selbst ein Literaturliebhaber irgendwann eingestehen: "Schade nur, dass Bücher nicht küssen können..."
Am 6. Mai, einem Dienstagabend, starb Kuno Bärenbold 61-jährig an den Folgen eines Herzinfarkts. Mit ihm geht eine der markantesten Figuren im hiesigen Literaturbetrieb, eine Karlsruher Einmaligkeit. "Bye-Bye". Oder wie er in seiner unnachahmlichen Art gewiss geschlossen hätte: "!Oberherzlicher Abendgruß viel, Kuno(bär)".
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