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Karlsruhe/Bolton "Jan the Man": Ex-Karlsruher Keeper kickt auf der Insel

Die Geschichte von Jan-Ole Sievers hat märchenhafte Züge: Es war einmal ein hoch talentierter Torhüter, der in der B-Jugend des badischen Zweitligisten Karlsruher SC Topleistungen ablieferte. Doch das reichte dem gebürtigen Karlsruher, der auch schon in die badische Auswahl berufen worden war, ganz einfach nicht. Er wollte noch besser werden, wollte etwas Neues kennen lernen, wollte ins Mutterland des Fußballs - nach England.

Da ein privat angebotenes einjähriges Camp in der 130 000-Einwohner-Stadt Bolton den Finanzrahmen des damals 16-Jährigen sprengte, schickte er einfach ein E-Mail an die Bolton Wanderers, den großen Traditionsverein auf der Insel. Und - die Antwort kam prompt, verbunden mit der Frage: Ist eine Ablöse zu zahlen? Da der KSC dem Torhütertalent keine Steine in den Weg legen wollte und auf eine "Ausbildungsentschädigung" verzichtete, ging alles weitere relativ zügig.

"Die erste Woche war richtig krass"

Jan-Ole flog zum Probetraining, überzeugte mit seinen Flugkünsten und seiner ruhigen Art alle in Bolton - und unterschrieb nur 14 Tage später, im August 2011, einen Vertrag bis 2013. Danach bezog er flugs ein winziges Acht-Quadratmeter-Zimmer bei Gasteltern in einem schmalen Backstein-Reihenhaus. England pur. Nun erhält er monatlich ein ordentliches Taschengeld und bekommt zudem fünf Heimflüge pro Jahr.

"Tja, das war eigentlich schon wie in einem Märchen. Aber die erste Woche war richtig krass. Da hatte ich richtig Heimweh, danach ging's", erinnert er sich heute. An eines konnte er sich jedoch bisher noch immer nicht gewöhnen: an das britische Wetter. "Da war's daheim in Baden schon wesentlich öfter sonnig." Doch sonst, sei alles gut. "Ich wurde sofort gut aufgenommen." Inzwischen werde auch sein Englisch immer besser. "Da hilft natürlich, dass ich jeden Freitag vom Verein einen Englischlehrer gestellt bekomme." Übers Internet hält er Kontakt zu Freunden. Auch zur Familie hat er regelmäßig Kontakt. Nach Hause fliegt er alle zwei Monate, dazwischen bekommt er auch in Bolton häufig Besuch von Familie und Freunden aus der Heimat.

"Glamour gibt's nicht"

Wenn bei den Heimattrips einer nach dem Luxus in der Premier League, nach Wohltaten bei den Bolton Wanderers fragt, dann muss Jan-Ole antworten: "Fehlanzeige. Glamour gibt's nicht." Harte Arbeit in einem tristen Umfeld ist angesagt für den inzwischen 17 Jahre alten Keeper. Fast 190 Zentimeter ist Jan-Ole groß und 76 Kilogramm schwer. Er wirkt sehr durchtrainiert. Dafür arbeitet er unter Torwarttrainer Neil Edwards ("Der ist hart, aber herzlich!") täglich rund zwei Stunden. Von nichts - kommt nichts, heißt die Devise von Boltons Trainer. Und dementsprechend sieht auch Jan-Oles Tagesablauf aus. Kurz vor acht muss er raus aus den Federn.

Um neun geht's zum Training. "Zum Gelände muss ich nur fünf Minuten laufen." Von neun bis zehn wird im Kraftraum gearbeitet. Von 10.15 bis kurz nach 11 Uhr: spezielles Torwarttraining. Dann wird eine weitere Stunde mit der Mannschaft geübt. Nach dem gemeinsamen Essen im Bauch des Boltoner Stadions, in dem auch das College stattfindet geht es weiter. "Mir schmeckt hier nur Fish and Chips, die restliche englische Küche ist nicht so mein Ding!", äußert Jan-Ole. Danach fängt das College an - oder eine weitere Einheit steht auf dem knallharten Trainingsplan. Zudem absolvierte Jan-Ole eine englische Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann. die endet Anfang 2013, "dann möchte ich mit den Verantwortlichen reden, ob ich nicht nebenbei das Abitur oder zumindest das deutsche Fachabitur hier ablegen kann."

Spitzname: "Jan the Man!"

Apropos 2013. Da erwartet ihn ein "neuer Job." Den des "Profi-Dieners". Bei englischen Profiklubs ist es Sitte, dass Jugendspieler für einen Profi den "Butler" spielen müssen. "Dann muss ich dem auserkorenem Spieler die Schuhe putzen, Getränke herrichten - aber das ist O.K. Das gehört hier dazu, das muss man annehmen, da bekommt man auch den einen oder anderen Tipp."

Wenn er am späten Nachmittag in sein Zimmerchen kommt, legt er sich regelmäßig eine Stunde hin, um wieder Kraft zu schöpfen. "Ab und zu gehen wir mit dem Team abends gemeinsam ins Kino oder ein wenig durch die Stadt. Aber mein Leben hier ist komplett auf den Fußball ausgerichtet", so der Keeper, dem die Kumpels schon einen Spitznamen verpasst haben: "Jan the Man!" In Anlehnung an den Weltklasse-Torjäger Ruud van Nistelrooy, der "Van the Man" hieß.

Und "Jan the Man" durfte auch, trotz seiner erst 17 Jahre, bei den Profis mit trainieren. "Da war ich richtig nervös." Stammkeeper Jussi Jääskelainen würdigte ihn kaum eines Blickes, sagte erst nach 20 Minuten drei Worte: "Hi, I'm Jussi." Das fand Jan-Ole etwas komisch, konzentrierte sich jedoch auf seinen Job und erhielt am Ende ein unerwartetes Lob vom Finnen. "Well done!" Gut gemacht! "Wie es aussieht, bin ich da bald wieder mal mit dabei. Natürlich will ich Profi werden. Deshalb bin ich hierher gekommen." Den Weg zu gehen, wie Ron-Robert Zieler, der auch in England bei Man United war und inzwischen Stammkeeper bei Hannover 96 und auch schon Nationaltorhüter ist - das wäre ein Traum. Oder - ein Märchen, das wahr wird. Es war einmal…

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