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01.03.2008 03:00
 
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Der ka-news-Kinotipp [0]

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Der Definitionsvorschlag des Neo-Westerns (Foto: pr)
Besser kalkulieren kann man nicht. Den deutschen Kinostart auf jene Woche zu terminieren, in der man nach weiser Vorausschau bei den "Oscars" zugelangt hat, ist aus Marketingsicht des Verleihs ein Bravourstück; wenn auch ein nahe liegendes. Die Coen-Brüder feiern mit "No Country For Old Men" und obendrein die Rückkehr zur gelobten Ernsthaftigkeit dank eines aller Folklore entsagenden Definitionsentwurfs des Neo-Westerns.

Die düstere Geschichte erdacht hat sich Cormac McCarthy, bekannt für drastischen Stil und schicksalhafte Verstrickungen am Rande der amerikanischen Gesellschaft. Wir siedeln irgendwo im Südwesten von Texas nahe dem Rio Grande, als Vietnam-Veteran Llewelyn Moss (Josh Brolin) beim Antilopenschießen über die Folgen eines offensichtlich schiefgelaufenen Drogendeals stolpert: Umgeben von Patronenhülsen verwesen Männerleichen neben ihren Hunden, jeder Menge Drogen und einem Koffer mit zwei Millionen Dollar.

Der Kinotipp von Patrick Wurster

Eine Versuchung, der auch Moss nicht widerstehen kann. Er greift sich die Moneten und tritt damit eine Lawine der Gewalt los, deren schwerster Brocken der münzenwerfende Killer Anton Chigurh (Javier Bardem) ist; eine unaufhaltsame Naturgewalt, den einzig Kopf oder Zahl davon abhalten können, sein druckluftbetriebenes Bolzenschussgerät abzufeuern mit dem normalerweise der Schlachter seinen Rindsviechern ein Ende setzt.

Harter Hund: Josh Brolin ist in Hollywoods erster Riege angekommen (Foto: pr)

Dem amtsmüden und titelverweisenden Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones), der zu Anfang und Schluss dem philosophischen Gedankengut der Vorlage Rechnung trägt, ist das Frontierland Texas, in dem einst noch ehrbare Kuhjungen die bösen Buben mit dem Colt vom Pferde holten, längst fremd geworden. Jetzt, Anfang der 80er Jahre, erobert die lateinamerikanische Drogenmafia die Staaten als Absatzmarkt mit Schnellfeuerwaffen, die alles und jeden im Dienste ihrer dreckigen Geschäfte niedermähen.

Anton Chigurh, der Sensenmann im Prinz-Eisenherz-Look (Foto: pr)

Das ist Bells Welt nicht mehr; und selbst auf eine moralistische Instanz, wie er sie verkörpert, wird nicht gewartet. Ihre Figuren halten die Coens durchweg auf Distanz. Und da die Rolle des Guten sich über weite Strecken des Films eine Auszeit nehmen muss, taugt Taugenichts Moss noch am ehesten zum klassischen Publikumshelden, der nur deshalb in Schwierigkeiten gerät, weil er des Nachts wiederkehrt, um einem durchlöcherten, aber noch röchelnden Überlebenden des Massakers Wasser zu bringen. Es ist die erste Hauptrolle für Josh Brolin, und mit dieser Darstellung des harten Hundesohns kommt er nicht nur optisch ganz nahe an einen Nick Nolte heran, er darf nach seiner feinen Assistenz in "American Gangster" (ka-news berichtete) die alten "Planet Terror"-B-Movie-Zeiten (ka-news berichtete) wohl als erledigt betrachten.

Die Coens sind am besten, wenn sie es ernst(er) meinen

In staubtrockenen, erlesensten Cinemascope-Bildern bettet sich die in ihren Grundzügen schlichte Geschichte von Jäger und Gejagtem, die auch als "Bestes adaptiertes Drehbuch" die Academy überzeugen konnte. Das Blut fließt bei Coen-typischem, gesittetem Tempo zäh. Da nimmt man sich denn auch mal die Zeit zur Entfaltung einer zerknüllten Snack-Hülle; und selbst diese Szene wirkt so verdammt bedrohlich, weil Chigurh, der sich den zugehörigen Süßkram soeben einverleibt hat, jeden Moment ein Leben als Nachschlag nehmen könnte. Der dafür vergoldete spanische Schauspieler Bardem ("Bester Nebendarsteller") gibt mit sturem Spiel dem sadistischen Charakter Antons Chigurhs, über dessen weitere Beweggründe wir im Lauf der zwei Stunden rein gar nichts erfahren, das Unaufhaltsame; er ist das unabwendbare Schicksal, der Sensenmann im Prinz-Eisenherz-Look.

Die Zeit von Sheriff Bell ist einmal gewesen (Foto: pr)

Das sind endlich wieder andere Kaliber als zuletzt noch die lustigen "Ladykillers" (ka-news berichtete). Auch wenn Joel und Ethan Coen sich im Laufe der Jahrzehnte mit ganz unterschiedlichen Werken verewigt haben, und so schwarzhumorig-absurd "The Big Lebowski" oder "O Brother, Where Art Thou?" (ka-news berichtete) auch sind - am besten sind die Brüder, wenn sie es wie im '84er Erstling "Blood Simple" und "Fargo" ernst(er) meinen. "No Country For Old Men", diese Ballade von der Gier, mag entgegen der bedeutenden "Besten"-Auszeichnungen für "Film" und "Regie" nicht ihr Prunkstück sein, aber sicherer setzen als auf die Vorstellungen in Filmpalast und Schauburg (hier im Originalton) kann man als passionierter Kinogänger dieser Tage nicht.

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