Löw auf dünnem Eis: Baustellen groß, Zeit knapp
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München Von Jens Mende und Jens Marx, dpa - Eine Untergangs-Stimmung wie vor vier Jahren konnten Joachim Löw & Co. nach der Argentinien-Pleite noch vermeiden, doch die Befürchtungen vor dem Turnier in Südafrika sind ähnlich groß wie vor der Heim-WM 2006.
Das deprimierende 0:1 im wichtigsten Weltmeisterschafts-Test und der Frust bei einigen seiner Spieler wie Lukas Podolski offenbarte auch dem Bundestrainer deutlich, dass die aktuelle Auswahl des dreimaligen Titelträgers Deutschland von einer Favoriten-Rolle im Sommer am Kap weit, weit entfernt ist. «Im Turnier wären wir mit so einem Ergebnis ausgeschieden», stellte Kapitän Michael Ballack nach der ersten Niederlage der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach über einem Jahr nüchtern fest. «So werden wir sicherlich nicht viele Chancen haben bei der WM, aber man darf nicht vergessen, dass es noch genügend Zeit gibt», betonte Mario Gomez 101 Tage vor dem ersten Gruppenspiel am 13. Juni gegen Australien.
Wie groß das Frustpotenzial bei einigen Akteuren derzeit ist, wurde in den Katakomben der Münchner WM-Arena spürbar. Podolski, dem wie vielen seiner Mitspieler kaum eine Aktion gelang, ließ sich von den Provokationen eines TV-Reporters zu einer heftigen Reaktion hinreißen. Noch in der Nacht informierte er Trainer Löw, Manager Bierhoff und sogar DFB-Präsident Theo Zwanziger über den Vorfall, auch weil er schon nach seiner Ohrfeige gegen Ballack im Spiel im April 2009 in Wales kurz vor einer Strafe gestanden hatte. Tags darauf meldete sich Podolski über die offizielle Homepage des DFB zu Wort: «Ich fühlte mich von ihm in der Mixed-Zone durch einige Anmerkungen zum Spiel provoziert. Darüber habe ich mich geärgert und ihm deshalb deutlich meine Meinung gesagt», schilderte der Kölner den Vorfall mit dem Journalisten. «Ich habe ihn aber nicht geschlagen. Wenn ich mich im Ton vergriffen habe, entschuldige ich mich dafür.»
Selbst Löw musste nach der mut- und ideenlosen Vorstellung gegen die «Albiceleste» des einstigen Super-Fußballers Diego Maradona einräumen, dass es «die eine oder andere Baustelle» gibt, was er noch vor dem Spiel mit Hinweis auf deutliche Verbesserungen seit der EM 2008 zurückgewiesen hatte. Gleich auf mehr als der Hälfte der elf Stammplätze zeigten sich weiter große Fragezeichen (Boateng, Tasci) oder schwächelte das für die WM fest eingeplante Personal (Podolski, Klose, Özil, Adler, Mertesacker, Lahm) besorgniserregend. «Es hat uns der Mut gefehlt, aus der Kompaktheit mehr nach vorne zu machen», sagte Löw und strich damit das entscheidende Versäumnis heraus.
Von seinem öffentlich demonstrierten Optimismus, der in der Nationalmannschaft seit der Zeit von Bundestrainer Jürgen Klinsmann zugleich Philosophie ist, aber ließ sich Löw auch von dem deutlichen Rückschlag gegen die Argentinier nicht abbringen. Schon unmittelbar nach dem Schluss gab er den gefrusteten 65 152 Zuschauern im Münchner Stadion, die am Ende sogar Maradona und Messi feierten und das eigene Team auspfiffen, sowie den 9,99 Millionen TV-Fans überraschend mit auf dem Weg: «Wir werden eine gute WM spielen - das ist ganz klar.»
Löw setzt ganz auf die eigene unmittelbare WM-Vorbereitung ohne Einflüsse aus den Bundesliga-Clubs ab Mitte Mai, um die Defizite in seinem Team auszumerzen: «Wenn wir dann vier Wochen zusammen sind, können wir konsequent an diesen Dingen arbeiten.» Wichtig sei vor allem auch die «Detailabstimmung in jedem Mannschaftsteil», ergänzte der 50-Jährige zu seinem straffen Programm, das nach der Kader- Nominierung mit einem Leistungstest in Düsseldorf beginnen wird und dann in den Trainingscamps auf Sizilien und in Südtirol auf Hochtouren laufen soll. Dass dabei das Eis dünn ist, weiß auch Löw und forderte von seinen derzeitigen größten «Pflegefällen» wie Podolski und Klose schon jetzt verstärkte Anstrengungen: «Sie müssen enorm hochtourig, hochintensiv trainieren, jede Möglichkeit nutzen.»
Gute Chancen, zumindest beim direkten WM-Casting dabei zu sein, haben der Münchner Aufsteiger Thomas Müller und der Leverkusener Toni Kroos. Beide feierten als Neulinge Nummer 33 und 34 in der Ära Löw ihr Debüt im DFB-Team. «Sie haben ihre Sache ordentlich gemacht», urteilt der Bundestrainer. Vor allem dem von Beginn an eingesetzten Müller traut Löw gleich einen Stammplatz im Team zu: «Ich glaube schon, dass Müller das Potenzial hat, auf Dauer rechts zu spielen.»
Dann könnte Bastian Schweinsteiger auch bei der WM-Endrunde vom 11. Juni bis 11. Juli in Südafrika den Part des zweiten defensiven Mittelfeldspielers neben Ballack übernehmen. «Es hängt viel von der WM-Vorbereitung ab, da muss einiges eingespielt werden mit den drei Zentralen Schweinsteiger, Özil und Ballack», sagte Löw und wies damit darauf hin, dass hier noch keine Vorentscheidung gefallen ist. Dass auch Torhüter René Adler kurz nach seiner offiziellen Beförderung zur neuen WM-Nummer 1 schwächelte und sich auch selbst eine Mitschuld am spielentscheidenden 0:1 durch Gonzalo Higuain gab, wollte Löw nicht überbewerten: «Es ist richtig, wenn wir so weit vorne sind, dass René Adler da rauskommt. Wir haben ein paar Fehler mehr gemacht als Argentinien, das wird auf dem Niveau bestraft.»




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